Die Macht der Clans by Heise Thomas; Meyer-Heuer Claas

Die Macht der Clans by Heise Thomas; Meyer-Heuer Claas

Autor:Heise, Thomas; Meyer-Heuer, Claas
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: Deutsche Verlags-Anstalt


KAPITEL 7

CLANS IN DEN MEDIEN

Spektakuläre Fälle

MOMO UND ’NE HANDVOLL RÄUBER

Einer der spektakulärsten Raubüberfalle Berlins beginnt ganz unspektakulär am 6. März 2010 mit einem Anruf bei einem jungen Berliner mit türkischem Pass. Sein Name ist Mustafa U., alle Freunde nennen ihn »Mistik«. Es ist 11.09 Uhr an diesem Samstag, als das Telefon klingelt. Wie immer schläft der 20-Jährige um diese Zeit noch. Arbeit ist nicht so sein Ding. In den Akten wird später stehen: Erlernter Beruf: ohne. Ausgeübter Beruf: ohne. Stellung im Beruf: ohne. Familienstand: ledig.

Dabei gibt es in Mustafas Leben durchaus Momente mit Tempo und Zielstrebigkeit. Zum Beispiel, wenn es darum geht, mit einer Waffe in einen Laden zu rennen, eine Angestellte zu bedrohen und in die Kasse zu greifen. Zwei Jahre lang saß Mustafa bereits im Jugendknast. Jetzt ist er seit knapp zwei Monaten wieder draußen. Als sein Handy ihn aus dem Schlaf reist, will er eigentlich gar nicht rangehen, aber dann sieht er auf dem Display, dass es Vedat ist, der ihn zu erreichen versucht. Und Vedat ist wie ein Bruder, obwohl er Kurde ist.

Vedat macht richtig Alarm am anderen Ende der Leitung. Mustafa müsse augenblicklich zur U-Bahn-Haltestelle Schönleinstraße kommen. Natürlich rennt Mustafa sofort los. »Ohne mich zu waschen oder meine Zähne zu putzen«, sagt er zwei Wochen später in seiner Vernehmung. Er denkt, dass Vedat massiven Stress hat und Hilfe braucht. Vielleicht droht ihm gerade jemand mit Prügel.

An der U-Bahn-Station wartet Vedat S. in seinem verbeulten Mercedes mit dem Kennzeichen B-RD-8182. Vedat hat richtig Druck. Der Tag muss ein Erfolg werden. Ihn plagen Schulden. Das Jobcenter hat die Leistungen gestrichen, weil er einen Ausbildungsplatz nicht angenommen hat. Sogar die Miete kommt nicht mehr vom Staat. Vedat hat sich Kohle von einem Freund gepumpt. Verprasst und nie zurückgezahlt. Er glaubt, es liege an den Drogen, dass er keine Lust mehr auf Arbeit hat. Vedat S. kifft und schluckt das Schmerzmittel Tilidin. Das Medikament ist ein Opiat, das euphorisiert und enthemmt und nach dem Kick umso antriebsloser zurücklässt. Es ist die Droge der jungen Männer von Neukölln.

Vedats Biografie hätte auch anders verlaufen können. In der sechsten Klasse sind seine Leistungen so gut, dass ihn die Lehrer fürs Gymnasium empfehlen. Als Jugendlicher ist er ein begnadeter Breakdancer, der den Hip-Hop-Tanz auch anderen Kids in einem Jugendzentrum beibringt. Doch irgendwann geht es nur noch bergab. Vielleicht hätten seine Eltern die Abwärtsspirale stoppen können. Allerdings haben seine Eltern nicht nur Vedat. Sondern noch elf weitere Kinder.

Als sich Mustafa auf die Rückbank des alten Daimlers quetscht, hockt vorne auf dem Beifahrersitz bereits Ahmad E. Er ist der Dritte im Bunde. In Neukölln nennen ihn alle nur »Ahmad der Boxer«. Auch sein Leben ist schon zerbeult, bevor es richtig angefangen hat. Weil zu Hause nur Arabisch gesprochen wird, kann er als Kind so wenig Deutsch, dass er die Vorschule wiederholen muss. In der Grundschule hat er Probleme sich zu konzentrieren. Doch das legt sich irgendwann, er schafft die Realschule und will später das Fach-Abitur machen. Allerdings übersteht er das Probejahr nicht. Zu viel Schwänzen, zu viel Kiffen, zu viel Neukölln.



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